Warum Moral objektiv ist

Kann man „Sollen“ vom „Sein“ ableiten? Liegt das, was gut und richtig ist, in der Natur der Dinge begründet oder ist es in einer von Fakten unabhängigen normativen Sphäre gelagert?

Im Folgenden werde ich argumentieren, dass gesellschaftliche Moralvorgaben, subjektive Vorstellungen von Moral und übernatürliche Quellen der Moral alle nicht als ethischer Maßstab taugen und dass es für alle Menschen nur einen objektiven ethischen Maßstab gibt.

Kein Sein zum Sollen? Humes „Gesetz“

Die meisten Philosophen gehen noch immer davon aus, dass eine Nebenbemerkung des Philosophen David Hume von vor 250 Jahren als Tatsache zu werten sei:

 „Bei jedem System der Moral, das mir bislang begegnet ist, habe ich stets festgestellt, dass der Autor eine gewisse Zeit in der üblichen Argumentationsweise fortschreitet und begründet, dass es einen Gott gibt, oder Beobachtungen über menschliches Verhalten trifft; dann plötzlich stelle ich überrascht fest, dass anstatt der üblichen Satzverknüpfungen, nämlich ‚ist‘ und ‚ist nicht‘, ich nur auf Sätze stoße, welche mit ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ verbunden sind. Diese Änderung geschieht unmerklich. Sie ist jedoch sehr wichtig. Dieses ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ drückt eine neue Verknüpfung oder Behauptung aus. Darum muss sie notwendigerweise beobachtet und erklärt werden. Zugleich muss notwendigerweise ein Grund angegeben werden für dies, was vollständig unbegreiflich erscheint: Wie nämlich diese neue Verknüpfung eine logische Folgerung sein kann von anderen, davon ganz verschiedenen Verknüpfungen… Ich bin der Überzeugung, dass eine solche geringfügige Aufmerksamkeit alle gewohnten Moralsysteme umwerfen würde. Sie würde uns außerdem zeigen, dass die Unterscheidung von Laster und Tugend nicht nur auf den Verhältnissen von Objekten gründet und auch nicht mit der Vernunft wahrgenommen wird.“

– David Hume: A Treatise of Human Nature (Buch III, Teil I, Kapitel I)

David Hume argumentierte für eine subjektive Gefühlsethik. Leidenschaften seien die Grundlage der Moral. Die Vernunft beschränke sich auf die Welt der Fakten. „Wir wünschen uns lediglich Dinge als Zwecke, weil sie ein bestimmtes Gefühl in uns auslösen und nicht aufgrund irgendeiner objektiven Eigenschaft von ihnen, welche die Vernunft erkennen könnte.” So fasst James Q. Wilson Humes Position in seinem Buch The Moral Sense (New York: Free Press Paperbacks. 1993, S. 237) zusammen.

Humes Gesetz besagt, dass keine logische Deduktion von Fakten auf Normen zulässig sei. Der naturalistische Fehlschluss lautet, dass auch Brückenprinzipien, die eine Verbindung zwischen Sein und Sollen herstellen – etwa, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Normen gelten würden – unzulässig seien. Laut George Edward Moore sei das Gute keine natürliche Eigenschaft. Zum Beispiel unterscheiden sich zwei gelbe T-Shirts nicht voneinander, indem das eine „gut“ ist und das andere nicht. Anstatt durch Vernunft einen ethischen Maßstab zu erkennen und auf rationale Werte zu schließen, sollten wir daher laut Moore auf unsere „moralische Intuition“ vertrauen.

Laut Hume könnten wir nicht objektiv sagen, dass es falsch ist, eine Frau zu vergewaltigen. Wir könnten lediglich objektiv feststellen, dass wir eine schreiende Frau erblicken, die von einem Mann geschlagen wird, der versucht, mit ihr Sex zu haben. Ob wir dies moralisch verurteilen, hängt davon ab, ob das, was wir erblicken, ein Gefühl der moralischen Empörung bei uns auslöst oder nicht. Wenn nicht, dann wäre im Grunde nichts gegen die Vergewaltigung zu sagen.

Hume selbst drückte es in seinem Treatise of Human Nature, 3. Buch wie folgt aus: „Wenn du irgendeine Handlung oder einen Charakter als bösartig verurteilst, so meinst du nichts anderes damit, als dass du aufgrund der Beschaffenheit deiner Natur ein Gefühl oder eine Empfindung der Verurteilung verspürst, wenn du daran denkst.” Mörder und Vergewaltiger als unmoralisch zu verurteilen bedeutet also nur, dass man sein eigenes moralisches Unwohlsein ihnen gegenüber zum Ausdruck bringt.

Wie Hume es formuliert: „Es widerspricht nicht der Vernunft, die Zerstörung der ganzen Welt dem Kratzen meines Fingers vorzuziehen.” In unserer Zeit wurde diese Ethik wie folgt auf den Punkt gebracht: „Mein Glaube lautet, dass, wenn ich etwas sage, es gilt. Ich bin das Gesetz und wenn du es nicht magst, dann stirbst du. Wenn ich dich nicht mag oder wenn ich das nicht mag, was ich dir zufolge tun soll, dann stirbst du.” (Eric Harris, einer der Amokläufer des Columbine-Massakers).

Wenn moralische Urteile nicht auf Fakten der Realität beruhen könnten, dann wäre Logik nur ein Mittel, um willkürlich gewählte Zwecke zu erreichen und wir befänden uns in einem moralischen Vakuum. Ohne objektiven moralischen Maßstab wäre alles erlaubt. Bevor ich auf diesen objektiven moralischen Maßstab eingehe, folgt ein kurzer Überblick über die vorgeschlagenen Alternativen.

Subjektive Moralmaßstäbe

1. Gott 

Gottes Wille ist kein objektiver moralischer Maßstab, sondern ein subjektiver. Religiöse Moral ist keine objektive Moral, sondern eine Variante des Subjektivismus. Nur ein rational beweisbarer Maßstab der Moral wäre objektiv und Gott ist nicht rational beweisbar, weshalb man an ihn glauben soll.

Es gibt unzählige Varianten von Göttern, die alle angeblich eine objektive Moral vorgeben. Das ist darum so, weil es für keinen dieser Götter irgendwelche eindeutigen Belege gibt.

Ferner widerspricht, wie der Philosoph Leonard Peikoff erläutert, das Konzept des monotheistischen, persönlichen Gottes allen metaphysischen Grundaxiomen. Gott sei unendlich. Doch nichts kann laut dem Identitätsaxiom unendlich sein. Alles ist, was es ist, und nichts anderes. Alles ist auf seine Qualitäten und auf seine Quantität begrenzt: Es ist so viel und nicht mehr. Wendet man den Begriff „unendlich“ auf eine Quantität an, so bedeutet das nicht „sehr groß“. Es bedeutet: „Größer als irgendeine spezifische Quantität.“ Das bedeutet: Keine spezifische Quantität – also eine Quantität ohne Identität. Dies verbietet das Gesetz der Identität.

Ist Gott der Schöpfer des Universums? Es kann keine Schöpfung von etwas aus dem Nichts geben. Es gibt kein nichts. „Nichts“ ist die Negation von „etwas“. Wenn es etwas geben soll, dann muss es etwas geben. Es kann nicht „nichts“ geben.

Ist Gott allmächtig? Kann er alles tun? Entitäten können nur in Übereinstimmung mit ihrer Natur handeln; nichts kann sie ihre Natur verletzen lassen. Ein Vogel kann fliegen, ein Fisch kann schwimmen. Ein Fisch kann nicht fliegen wie ein Vogel.

Von uns wird dennoch von gläubigen Menschen erwartet, dass wir an den Gott des Tages glauben und ferner glauben, dass die in seinem Namen verkündete Moral objektiv sei.

Religiöse Menschen befürchten, dass ohne Gott alles erlaubt sei. Das stimmt so aber nicht, sondern ohne objektiv begründbaren Maßstab der Ethik wäre alles erlaubt. Religiöse Menschen glauben manchmal auch, es gäbe keinen solchen Maßstab, weshalb man besser an Gott glauben solle als an überhaupt nichts. Besser man glaubt an Gott, als dass man seine eigenen Launen absolut setzt, seine eigene Willkür als Grundlage der Moral, als Gott versteht (persönlicher Subjektivismus) oder als dass man eine Rasse, Klasse, sonstige Gruppe als Moralmaßstab festlegt (kollektiver Subjektivismus). Dabei wollen gläubige Menschen nicht erkennen, dass ihr eigenes moralisches Fundament auch nur auf willkürlicher Akzeptanz, auf blindem Glauben beruht, und eben nicht auf den Tatsachen der Realität. Sie erkennen nicht, dass ihre objektive Moral eigentlich eine subjektive Moral ist.

Die Quellen der religiösen Moral sind Autorität, Tradition und Offenbarung. Man hat etwas für richtig zu halten, weil Priester dies so anordnen, weil es seit längerer Zeit an einem Ort so gesehen wurde oder weil es in einem „heiligen“ Text steht. Während keine dieser Quellen notwendig Falschheiten beinhalten, so ist eine Methode nötig, um wahr und falsch zu trennen. Diese Methode ist die Vernunft, mit der wir unsere Sinnesdaten identifizieren und integrieren können. Essenziell erlangen wir Erkenntnis durch die logische Auswertung empirischer Belege. Vor-empirisches Wissen („synthetisches Urteil a priori“ laut Kant) soll lediglich die Funktionsweise unseres Verstandes und die Grundlagen des logischen Denkens umfassen, deren Verlässlichkeit auch a posteriori empirisch bestätigt wurden. Wir wissen allerdings nicht a priori, dass Gott existiert und dass er uns eine objektive Moral offenbarte. Es gibt religiöse Evolutionsforscher, die behaupten, Wissen über Gottes Existenz sei bei Geburt schon in unseren Verstand eingebaut, religiöser Glaube sei eine „Adaption“ – was nicht mehr ist als eine Behauptung. Empirische Belege gibt es für Gott nicht. Und der Vernunft widerspricht er.

Laut den einflussreichsten religiösen Moralvorstellungen gehören wir uns nicht selbst, sondern wir sind das Eigentum Gottes und schulden ihm absoluten Gehorsam. Wenn Gott uns befiehlt, unsere eigenen höchsten Werte (wie unsere Kinder, siehe die Geschichte über Abraham und Isaac) ihm zu opfern, so haben wir dies zu tun. Wo Logik der religiösen Moral zu widersprechen scheint, haben wir den blinden Glauben der Logik vorzuziehen. Christentum, Judentum und Islam sind Religionen der Selbstaufopferung für andere, ihre Moralvorgaben sind altruistisch. Ein Mensch kann jedoch nur als Mensch leben, wenn er für sich selbst lebt – also kann ein konsequent selbstloser Mensch nicht als Mensch leben, sondern nur als Sklave oder als Ich-loser Zombie.

Ferner gibt es religiöse Moralvorstellungen wie jene des Buddhismus. Auch der Buddhismus fordert von uns, unser Selbst aufzuopfern, aber nicht für andere oder für Gott, sondern um in eine „höhere Sphäre des Daseins“ aufzusteigen. Der Buddhismus befiehlt uns, nicht als Mensch, sondern als eine Pflanze zu leben. Als Kreatur, die nur da sitzt und meditiert, die nicht aktiv handelt und die stattdessen Nährstoffe aus ihrer Umgebung aufsaugt. Das können wir nur dann tun, wenn sich andere Menschen für uns aufopfern, wenn sie bereit sind, uns zu versorgen. Es ist um Grunde eine unnatürliche Verhaltensweise, wenn es das voluntaristische, konzeptuelle Vermögen ist, das den Menschen zum Menschen macht. Wir müssen aktiv unseren Verstand gebrauchen und produktiv tätig sein, um die Werte zu erhalten, die unser Überleben erfordert.

Religiöse Moral hatte verheerende Konsequenzen. Man denke an die Inquisition, an Judenpogrome, Hexenverbrennungen, an die Selbstaufopferung von Nonnen, die sich in Klosterwände einmauern ließen, um ihren körperlichen Bedürfnissen zu entsagen, an islamische Märtyrer und an den Theokraten Dalai Lama. Religiöse Moral enthält natürlich auch positive Elemente wie den Respekt vor dem individuellen Menschen und der Freiheit seiner Entscheidungen, die man im Christentum vorfindet. Die positiven Elemente der religiösen Moral benötigen für ihre Begründung allerdings keinen Gott. Und keinen blinden Glauben. Ganz im Gegensatz zu Kants Auffassung, der die Willensfreiheit auf einer Ebene mit willkürlichen Behauptungen einordnete, wie Gott und die Unsterblichkeit.

Man könnte die religiöse Moral als eine Mischung aus persönlichem und kollektivem Subjektivismus ansehen.

2. Persönlicher Subjektivismus

Der persönliche Subjektivismus besagt, dass jeder individuelle Mensch selbst entscheiden dürfe, was Moral sei. Daraus folgt ethischer Relativismus. Typische Slogans von persönlichen Subjektivisten sind „Was für dich wahr ist, muss für mich nicht wahr sein“ und „Wer weiß schon, was richtig ist?“. Ein persönlicher Subjektivist kann einfach tun, wonach er sich fühlt.

Eine populäre Variante des persönlichen Subjektivismus ist der Hedonismus, dessen ethischer Maßstab das Vergnügen oder der Genuss ist. Demnach habe man seinen Genuss anzustreben. Sofern es ein Vergnügen für jemanden ist, Menschen zu bestehlen oder zu ermorden, müsste er dies demnach tun dürfen. Hedonisten werden antworten, dass dies nicht wirklich dem Genuss eines Menschen dient. Es dient nicht dem wahren Lebensglück eines Menschen. Das stimmt, aber das wahre Lebensglück, das eigene, individuelle Leben als Mensch, ist nicht der Maßstab der hedonistischen Moral, also ist dies nebensächlich. Das kurzzeitige Vergnügen ist auch ein Vergnügen. Ein Hedonist könnte Drogen, Partys und Orgien aneinanderreihen und sich für einen moralischen Menschen halten. Für den Hedonismus gibt es keine individuellen Rechte und somit keinen in der Ethik inhärent angelegten Grund, andere Menschen oder sich selbst nicht für irgendwelche „Vergnügungen“ aufzuopfern.

Der persönliche Subjektivismus leugnet die Regelhaftigkeit der Welt, ihre Bindung an ewig gültige, nicht der Willkür unterworfene Naturgesetze. Er leugnet ferner die Identität des Menschen als rationales Tier, das diese Regeln erkennen und sie für sein Überleben nutzen muss. Die Realität ist nicht willkürlich und somit muss ein Mensch mit einer willkürlichen Ethik darin scheitern. Die Realität ist durch objektive Tatsachen konstituiert nicht durch persönliche Beliebigkeit.

3. Kollektiver Subjektivismus

Die Ethik, die sich historisch als die Gefährlichste erwiesen hat, ist der kollektive Subjektivismus und dessen Varianten.

Der Kollektivismus besagt, dass eine Gruppe bestimmt, was ethisch richtig ist. Das Individuum soll seine eigenen Interessen einer Gruppe unterordnen. Dies kann eine Klasse sein, eine Rasse, ein Volk, eine Glaubensgemeinschaft, die ganze Menschheit oder einfach „die Gesellschaft“. Dabei wird die Gesellschaft nicht als die Summe von Individuen verstanden, sondern als eine Entität mit eigenen Interessen, ähnlich wie Gott. Im Gegensatz zu Gott wird die Gesellschaft, der man sich aufopfern soll, nicht in einer transzendenten Dimension verortet, sondern im Diesseits.

Wie die Priester im Falle der Religion Gottes Stellvertreter sind, so hat auch die Gesellschaft menschliche Repräsentanten. Bei der Religion können sich die Anhänger auf heilige Texte und auf die Tradition beziehen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, was ein Repräsentant sagt. Im Falle des weltlichen Kollektivismus haben die Repräsentanten der Gesellschaft noch mehr Macht, da die Traditionen kurz sind (Nationalsozialismus, Kommunismus), die heiligen Schriften ihnen eindeutiger dienen oder von ihnen selbst stammen („Kommunistisches Manifest“, „Mein Kampf“) und weil die Gesellschaft unmittelbarer als real wahrgenommen wird (das „Gemeinwohl“).

Die Grundaussage der Kollektivisten lautet, dass es einen Konflikt zwischen den Interessen von Individuen gebe. Die „Gesellschaft“ (ein Diktator oder eine Oligarchie) solle darum die Individuen beherrschen und ihnen ihre Handlungen vorschreiben. Zum Vergleich: In einem liberalen Rechtsstaat dient die Regierung nur als Wächter, der Individuen davon abhält, gegen die Rechte anderer zu verstoßen. Ein liberaler Rechtsstaat geht allerdings davon aus, dass es keine inhärenten, fundamentalen Konflikte zwischen den Interessen von Individuen gibt und sie friedlich zum gegenseitigen Vorteil kooperieren können.

Eine heute populäre Variante des Kollektivismus ist der Utilitarismus. Er besagt, dass der Maßstab der Moral das größte Glück der größten Zahl sei. Also nicht dein eigenes Lebensglück, sondern das aufsummierte Lebensglück aller Menschen sei der Maßstab der Ethik. Um eine größere Zahl von Menschen glücklich zu machen, könnten demnach ein paar Menschen geopfert werden.

Ergebnis des kollektiver Subjektivismus: 140 Millionen Tote (Kommunismus) plus 70 Millionen Tote (Faschismus, Kolonialismus) innerhalb weniger Jahrzehnte. Quelle: Daten des Empirischen Demozidforschers R.J. Rummel.

Der kollektive Subjektivismus leugnet, dass ausschließlich das Individuum denkt und Entscheidungen trifft. Auch die Unterwerfung unter die Entscheidungen der Gruppen-Stellvertreter ist eine individuelle Entscheidung.

Objektivismus: Aus Sein folgt Sollen

Nun zu der Auflösung von Humes Gesetz und des naturalistischen Fehlschlusses. Der objektivistischen Philosophin Ayn Rand ist es gelungen, die Moral auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Zunächst einmal sind menschliche Werte frei gewählt. Das ist der Grund, warum unterschiedliche Menschen viele unterschiedliche Dinge über Moral glauben. Meistens glauben sogar dieselben Menschen unterschiedliche Dinge über Moral. Der Objektivismus bezweifelt das nicht. Er besagt lediglich, dass sich die meisten Menschen irren.

Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie setzt nicht bei einer übernatürlichen Sphäre an, sondern bei der natürlichen Welt. Um herauszufinden, was der Maßstab der menschlichen Werte sein könnte, stellte Ayn Rand zunächst die Fragen: Was sind Werte überhaupt? Wofür braucht der Mensch Werte?

Ein Wert ist das, wofür man handelt, um es zu bekommen oder um es zu behalten. Das Konzept „Wert“ setzt eine Antwort auf die Frage voraus: Wertvoll für wen und für was? „Es setzt ein Wesen voraus, das zu handeln in der Lage ist, um ein Ziel im Angesicht einer Alternative zu erreichen.“ (Ayn Rand). Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie könnte man wie folgt formulieren:

Es ist einzig das Konzept „Leben“, welches das Konzept „Wert“ ermöglicht.

Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, legt fest, was es tun soll. Ein Lebewesen existiert und es kann nur Werte haben, wenn es existiert. Um seine Existenz fortzusetzen, muss es auf bestimmte Weise handeln – bestimmte Werte anstreben, die seiner Existenz dienen. Dabei müssen Lebewesen ihrer spezifischen Natur gemäß handeln. Ein Wolf muss andere Tiere jagen und fressen, um zu überleben. Der Mensch muss seinen Verstand einsetzen, um produktiv tätig zu sein und so die Werte zu erschaffen, die er anstrebt.

Das ultimative Ziel eines jeden Lebewesens ist sein eigenes Leben. Für den Menschen gilt also:

Das eigene Leben eines individuellen Menschen ist sein objektiver Moralmaßstab.

Nicht die spontanen Gelüste eines Menschen, nicht das Glück aller Menschen, nicht die Interessen einer fiktiven Entität wie „Gott“ oder „Gesellschaft“, sondern unser eigenes, individuelles Leben als Mensch ist der Maßstab der Ethik.

Einige Moralphilosophen wie Peter Singer sind der Meinung, dass es nicht Ethik sei, wenn man nur sein eigenes Leben im Blick habe. Das ist der Grund für sämtliche Widersprüche ihrer moralischen Anschauungen und der meisten Gräuel, die aus falschen Ethiken entstanden sind.

Aber löst das wirklich die Sein-Sollen-Dichotomie auf? Schließlich sind Menschen noch immer in der Lage, sich für eine Moral zu entscheiden, die schädlich für ihr eigenes Leben ist, oder nicht? Ist die Ethik nicht doch wieder subjektiv? Zwar mag das eigene Leben ein rationaler Maßstab der Moral sein, aber ist er wirklich objektiv? Objektiv bedeutet in diesem Kontext, dass etwas auf den Tatsachen der Realität beruht. Objektiv kann nicht sinnvollerweise bedeuten, dass man eine Perspektive außerhalb von sich selbst einnehmen soll. Das ist unmöglich. Wir betrachten die Welt immer aus unserer Perspektive, weil wir wir selbst sind und nicht Gott oder etwas außerhalb von uns selbst.

Der freie Wille bedeutet, dass eine Person sich dazu entscheiden kann, nicht zu leben; aber er bedeutet nicht, dass sie einen anderen Maßstab für ihre Werte wählen kann als ihr Leben. Ohne Leben keine Werte. Also muss das Leben – als Voraussetzung für sämtliche Werte und jegliche Moral – der Maßstab sämtlicher Werte und jeglicher Moral sein. „Maßstab“ bedeutet das endgültige Ziel der Ethik und einen Beurteilungsstandard (Dient diese Handlung meinem Leben?). Und zusammen mit unserem Leben als Maßstab müssen wir auch unsere Identität als das, was wir sind, anerkennen und in die Ethik einbeziehen. Wir sind das rationale Tier.

Ein Mensch kann sich auch entscheiden, zu sterben. Aber: Welcher Wertecodex (Ethik) folgt aus seiner Entscheidung zu sterben? Die Antwort: Keiner. Um zu sterben, muss ein Mensch gar nichts tun. Er muss einfach nur alle Handlungen einstellen. Er braucht keine Ethik. Eine Ethik kann nicht aus der Entscheidung für den Tod resultieren.

Der Objektivismus besagt nicht, dass man leben muss. Er besagt, dass man nur eine Ethik braucht, wenn man sich für das Leben entscheidet. Und tut man das, dann benötigt man eine Ethik, die einem das Leben als das, was man ist, ermöglicht: Das Leben als Mensch, als rationales Tier. „Sollen“ ergibt nur Sinn, wenn man eine Handlungsorientierung für das eigene Leben als Mensch anstrebt. Andernfalls „soll“ man gar nichts. Tiere streben Werte automatisch, instinktiv an. Der Mensch muss sich für das Leben entscheiden. Wenn er es tut, braucht er eine Ethik – Prinzipien, an denen er sich orientieren kann, um zu leben. Wenn nicht, dann nicht und die Frage erübrigt sich. Das Leben als Mensch erfordert also objektiv eine Ethik, die dem Leben als Mensch dient.

Ferner möchte ich die Leser daran erinnern, dass David Hume prinzipiell die Kausalität in Frage stellte. Für ihn gab es keine notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung. Er hielt außerdem prinzipiell die Induktion, die Ableitung allgemeiner Gesetze aus Einzelbeobachtungen, für unmöglich. Geht man davon aus, verwundert es nicht, dass er auch eine Folgerung auf das Sollen aus dem Sein ausschloss.

Mehr dazu: http://objektivismus.de/2Studium/S07Werte.htm

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4 comments on “Warum Moral objektiv ist

  1. Heisenberg sagt:

    Deine oben angeführten Definitionen führen eigentlich zum selben Ergebnis wie der beschriebene “kollektive Subjektivismus”.

    Deinen Ausführungen zu Folge ist alles moralisch vertretbar das MEIN Leben verlängert bzw. das MEIN überleben am Besten garantiert. Das sind dann nunmal im Normalfall jene Handlungen die von der Mehrheit der Gruppe in meinem Umfeld für gut befunden werden. Diese Gruppe kann, wie die Geschichte mehrfach zeigte, jedoch genauso gut den heute “üblichen” moralischen Grundsätzen zuwider handeln.

    Somit wird vom Kollektiv festgelegt was hier und heute moralische vertretbar und was absolut daneben ist.

    Im Prinzip bin ich auf Seite Humes, wenn er sagt Moral sei nur ein subjektiver Begriff. (habe leider noch keine seiner Schriften gelesen)

    Es kann sehr gut sein das ich mich irre. Aber ich habe schon vielen Leuten in Diskussionen die Frage gestellt warum es aus objektiver Sicht “schlecht” ist jemanden zu töten und leider noch keine befriedigende Antwort erhalten. Ich bitte die mich aus Platons Höhle zu befreien!

    • Es ist nicht in eigenen Interesse eines Individuums, einen Nicht-Aggressor zu töten. Wir profitieren von anderen Menschen als Händlern und potenziellen Händlern von materiellen und spirituellen Werten.

      • heisenberg sagt:

        Das ist leider ebenfalls keine zufriedenstellende Antwort.

        Die Frage die sich stellt ist was den nun das eigene Interesse des Individuums ist? So lange wie möglich zu überleben? Möglichst glücklich zu leben? Auch wenn das Handeln mein eigenes Leben voraussetzt heißt dies noch lange nicht, das all meine Handlungen dem Zweck dienen müssen, dieses Leben zu verlängern. (Wären nur solche Handlungen moralisch, dann könnte ich getrost das Verhalten aller meiner Bekannten als unmoralisch einstufen)

        • Das hängt ganz vom Menschenbild ab und von der eigenen Metaphysik. Es gibt keine Ein-Satz-Antwort auf eine solche Frage. Ihre Handlungen sollten nicht allein dem Zweck dienen, ihr Leben zu verlängern, sondern es geht darum, als Mensch zu leben. Was ist der Mensch? Das rationale Tier. Wie überlebt er? Durch Erkennen der Natur, Nutzen der Natur, Erschaffung von Werten, Tausch von Werten mit anderen. Ansonsten müsste ich Sie doch mal auf die objektivistische Literatur verweisen (und bitte nicht meinen Philosophiebereich übersehen, wo vieles schon erklärt ist), denn in Blogkommentaren lässt sich kein philosophisches System hinreichend darstellen. Ich kann hier nur Hinweise geben.

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