Warum Moral objektiv ist

Kann man „Sollen“ vom „Sein“ ableiten? Liegt das, was gut und richtig ist, in der Natur der Dinge begründet oder ist es in einer von Fakten unabhängigen normativen Sphäre gelagert?

Im Folgenden werde ich argumentieren, dass gesellschaftliche Moralvorgaben, subjektive Vorstellungen von Moral und übernatürliche Quellen der Moral alle nicht als ethischer Maßstab taugen und dass es für alle Menschen nur einen objektiven ethischen Maßstab gibt.

Kein Sein zum Sollen? Humes „Gesetz“

Die meisten Philosophen gehen noch immer davon aus, dass eine Nebenbemerkung des Philosophen David Hume von vor 250 Jahren als absolute Wahrheit, als Tatsache zu werten sei:

 „Bei jedem System der Moral, das mir bislang begegnet ist, habe ich stets festgestellt, dass der Autor eine gewisse Zeit in der üblichen Argumentationsweise fortschreitet und begründet, dass es einen Gott gibt, oder Beobachtungen über menschliches Verhalten trifft; dann plötzlich stelle ich überrascht fest, dass anstatt der üblichen Satzverknüpfungen, nämlich ‚ist‘ und ‚ist nicht‘, ich nur auf Sätze stoße, welche mit ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ verbunden sind. Diese Änderung geschieht unmerklich. Sie ist jedoch sehr wichtig. Dieses ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ drückt eine neue Verknüpfung oder Behauptung aus. Darum muss sie notwendigerweise beobachtet und erklärt werden. Zugleich muss notwendigerweise ein Grund angegeben werden für dies, was vollständig unbegreiflich erscheint: Wie nämlich diese neue Verknüpfung eine logische Folgerung sein kann von anderen, davon ganz verschiedenen Verknüpfungen… Ich bin der Überzeugung, dass eine solche geringfügige Aufmerksamkeit alle gewohnten Moralsysteme umwerfen würde. Sie würde uns außerdem zeigen, dass die Unterscheidung von Laster und Tugend nicht nur auf den Verhältnissen von Objekten gründet und auch nicht mit der Vernunft wahrgenommen wird.“

– David Hume: A Treatise of Human Nature (Buch III, Teil I, Kapitel I)

David Hume argumentierte für eine subjektive Gefühlsethik. Leidenschaften seien die Grundlage der Moral. Die Vernunft beschränke sich auf die Welt der Fakten. „Wir wünschen uns lediglich Dinge als Zwecke, weil sie ein bestimmtes Gefühl in uns auslösen und nicht aufgrund irgendeiner objektiven Eigenschaft von ihnen, welche die Vernunft erkennen könnte.“ So fasst James Q. Wilson Humes Position in seinem Buch The Moral Sense (New York: Free Press Paperbacks. 1993, S. 237) zusammen.

Humes Gesetz besagt, dass keine logische Deduktion von Fakten auf Normen zulässig sei. Der naturalistische Fehlschluss lautet, dass auch Brückenprinzipien, die eine Verbindung zwischen Sein und Sollen herstellen  – etwa, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Normen gelten würden – unzulässig seien. Laut George Edward Moore sei das Gute keine natürliche Eigenschaft. Zum Beispiel unterscheiden sich zwei gelbe T-Shirts nicht voneinander, indem das eine „gut“ ist und das andere nicht. Anstatt durch Vernunft einen ethischen Maßstab zu erkennen und auf rationale Werte zu schließen, sollten wir daher laut Moore auf unsere „moralische Intuition“ vertrauen.

Laut Hume könnten wir nicht objektiv sagen, dass es falsch ist, eine Frau zu vergewaltigen. Wir könnten lediglich objektiv feststellen, dass wir eine schreiende Frau erblicken, die von einem Mann geschlagen wird, der versucht, mit ihr Sex zu haben. Ob wir dies moralisch verurteilen, hängt davon ab, ob das, was wir erblicken, ein Gefühl der moralischen Empörung bei uns auslöst oder nicht.

Er selbst drückte es in seinem Treatise of Human Nature, 3. Buch wie folgt aus: „Wenn du irgendeine Handlung oder einen Charakter als bösartig verurteilst, so meinst du nichts anderes damit, als dass du aufgrund der Beschaffenheit deiner Natur ein Gefühl oder eine Empfindung der Verurteilung verspürst, wenn du daran denkst.“ Mörder und Vergewaltiger als unmoralisch zu verurteilen bedeutet also nur, dass man sein eigenes moralisches Unwohlsein ihnen gegenüber zum Ausdruck bringt.

Wie Hume es formuliert: „Es widerspricht nicht der Vernunft, die Zerstörung der ganzen Welt dem Kratzen meines Fingers vorzuziehen.“ In unserer Zeit wurde diese Ethik wie folgt auf den Punkt gebracht: „Mein Glaube lautet, dass, wenn ich etwas sage, es gilt. Ich bin das Gesetz und wenn du es nicht magst, dann stirbst du. Wenn ich dich nicht mag oder wenn ich das nicht mag, was ich dir zufolge tun soll, dann stirbst du.“ (Eric Harris, einer der Amokläufer des Columbine-Massakers).

Wenn moralische Urteile nicht auf Fakten der Realität beruhen könnten, dann wäre Logik nur ein Mittel, um willkürlich gewählte Zwecke zu erreichen und wir befänden uns in einem moralischen Vakuum. Ohne objektiven moralischen Maßstab wäre alles erlaubt. Bevor ich auf diesen objektiven moralischen Maßstab eingehe, folgt ein kurzer Überblick über die vorgeschlagenen Alternativen.

Subjektive Moralmaßstäbe

1. Gott 

Gottes Wille ist kein objektiver moralischer Maßstab, sondern ein subjektiver. Religiöse Moral ist keine objektive Moral, sondern eine Variante des Subjektivismus. Nur ein rational beweisbarer Maßstab der Moral wäre objektiv und Gott ist nicht rational beweisbar, weshalb man an ihn glauben soll.

Es gibt unzählige Varianten von Göttern, die alle angeblich eine objektive Moral vorgeben. Das ist darum so, weil es für keinen dieser Götter irgendwelche Belege gibt. In jedem Fall wird von uns erwartet, dass wir einfach an den Gott des Tages glauben und ferner glauben, dass die in seinem Namen verkündete Moral objektiv sei.

Religiöse Menschen befürchten, dass ohne Gott alles erlaubt sei. Das stimmt so aber nicht, sondern ohne objektiv begründbaren Maßstab der Ethik wäre alles erlaubt. Religiöse Menschen glauben häufig, es gäbe keinen solchen Maßstab, weshalb man besser an Gott glauben solle als an überhaupt nichts. Besser man glaubt an Gott, als dass man seine eigenen Launen absolut setzt, seine eigene Willkür als Grundlage der Moral, als Gott versteht (persönlicher Subjektivismus) oder als dass man eine Rasse, Klasse, sonstige Gruppe als Moralmaßstab festlegt (kollektiver Subjektivismus). Dabei wollen gläubige Menschen nicht erkennen, dass ihr eigenes moralisches Fundament auch nur auf willkürlicher Akzeptanz, auf blindem Glauben beruht, und eben nicht auf den Tatsachen der Realität. Sie erkennen nicht, dass ihre objektive Moral eigentlich eine subjektive Moral ist.

Die Quellen der religiösen Moral sind Autorität, Tradition und Offenbarung. Man hat etwas für richtig zu halten, weil Priester dies so anordnen, weil es seit längerer Zeit an einem Ort so gesehen wurde oder weil es in einem „heiligen“ Text steht. Während keine dieser Quellen notwendig Falschheiten beinhalten, so ist eine Methode nötig, um wahr und falsch zu trennen. Diese Methode ist die Vernunft, mit der wir unsere Sinnesdaten identifizieren und integrieren können. Wir wissen nicht a priori, dass Gott existiert und dass er uns eine objektive Moral offenbarte (es gibt religiöse Evolutionsforscher, die behaupten, Wissen über Gottes Existenz sei bei Geburt schon in unseren Verstand eingebaut, religiöser Glaube sei eine „Adaption“ – was nicht mehr ist als eine Behauptung). Empirische Belege gibt es für Gott nicht. Vielmehr widerspricht er den metaphysischen Axiomen, der Grundlage jeder Erkenntnis. Es wird behauptet, ein Bewusstsein habe die Existenz erschaffen. Ein Bewusstsein ist allerdings das Vermögen, das, was existiert, wahrzunehmen. Die Idee, das Bewusstsein könnte oder müsste die Existenz erschaffen, ist nichts anderes als magisches Denken – ob der Mensch es tut oder ob Gott es tut.

Laut den einflussreichsten religiösen Moralvorstellungen gehören wir uns nicht selbst, sondern wir sind das Eigentum Gottes und schulden ihm absoluten Gehorsam. Wenn Gott uns befiehlt, unsere eigenen Werte (wie unsere Kinder, siehe die Geschichte über Abraham und Isaac) ihm selbst zu opfern, so haben wir dies zu tun. Wo Logik der religiösen Moral zu widersprechen scheint, haben wir den blinden Glauben der Logik vorzuziehen. Christentum, Judentum und Islam sind Religionen der Selbstaufopferung für andere, ihre Moralvorgaben sind altruistisch. Ein Mensch kann jedoch nur als Mensch leben, wenn er für sich selbst lebt – also kann ein konsistent selbstloser Mensch nicht als Mensch leben, sondern nur als Sklave oder als Ich-loser Zombie.

Ferner gibt es reliöse Moralvorstellungen wie jene des Buddhismus. Auch der Buddhismus fordert von uns, unser Selbst aufzuopfern, aber nicht für andere oder für Gott, sondern um in eine „höhere Sphäre des Daseins“ aufzusteigen. Der Buddhismus befiehlt uns, nicht als Mensch, sondern als eine Pflanze zu leben. Als Kreatur, die nur da sitzt und meditiert, die nicht aktiv handelt und die stattdessen Nährstoffe aus ihrer Umgebung aufsaugt.

Religiöse Moral hatte verheerende Konsequenzen. Man denke an die Inquisition, an Judenpogrome, Hexenverbrennungen, an die Selbstaufopferung von Nonnen, die sich in Klosterwände einmauern ließen, um ihren körperlichen Bedürfnissen zu entsagen, an islamische Märtyrer und an den Theokraten Dalai Lama. Religiöse Moral enthält auch positive Elemente wie den Respekt vor dem individuellen Menschen und der Freiheit seiner Entscheidungen, die man im Christentum vorfindet. Die positiven Elemente der religiösen Moral benötigen für ihre Begründung allerdings keinen Gott und sie beruhen auch nicht auf der Idee von Gott, sondern auf metaphysischen Tatsachen wie der menschlichen Natur und den menschlichen Überlebensbedingungen.

Man könnte die religiöse Moral als eine Mischung aus persönlichem und kollektivem Subjektivismus ansehen.

2. Persönlicher Subjektivismus

Der persönliche Subjektivismus besagt, dass jeder individuelle Mensch selbst entscheiden dürfe, was Moral sei. Es handelt sich um eine Variante des ethischen Relativismus. Typische Slogans von persönlichen Subjektivisten sind „Was für dich wahr ist, muss für mich nicht wahr sein“ und „Wer weiß schon, was richtig ist?“. Ein persönlicher Subjektivist kann einfach selbst bestimmen, was richtig ist.

Eine populäre Variante des persönlichen Subjektivismus ist der ethische Hedonismus, dessen ethischer Maßstab das Vergnügen oder der Genuss oder alternativ die Vermeidung von Leid ist. Demnach habe man seinen Genuss anzustreben. Sofern es ein Vergnügen für jemanden ist oder es „Leid“ für ihn vermeidet, Menschen zu bestehlen oder zu ermorden, müsste er dies demnach tun dürfen. Hedonisten werden antworten, dass dies nicht wirklich dem Genuss eines Menschen dient. Es dient nicht dem wahren Lebensglück eines Menschen. Das stimmt, aber das wahre Lebensglück, das Leben als Mensch, ist nicht der Maßstab der hedonistischen Moral, also ist dies nebensächlich. Das kurzzeitige Vergnügen ist auch ein Vergnügen. Ein Hedonist könnte Vergnügungen, Partys und Orgien, aneinanderreihen und sich für einen moralischen Menschen halten. Oder er könnte es wie der hedonistische Philosoph Epikur halten und sich von der Welt abkapseln, nur in seinem Garten leben, um „Leid“ zu vermeiden.

Für den Hedonismus gibt es keine individuellen Rechte und somit kein in der Ethik inhärent angelegten Grund, andere Menschen oder sich selbst für irgendwelche „Vergnügungen“ nicht aufzuopfern.

3. Kollektiver Subjektivismus

Die Ethik, die sich historisch als die Gefährlichste erwiesen hat, ist der kollektive Subjektivismus und dessen Varianten.

Der Kollektivismus besagt, dass man seine eigenen Interessen einer Gruppe unterordnen solle. Dies kann eine Klasse sein, eine Rasse, ein Volk, die ganze Menschheit oder einfach „die Gesellschaft“. Dabei wird die Gesellschaft nicht als die Summe von Individuen verstanden, sondern als ein mysteriöses Etwas mit eigenen Interessen, ähnlich wie Gott. Im Gegensatz zu Gott wird das mysteriöse Etwas, dem man sich aufopfern soll, nicht in einer transzendenten Dimension verortet, sondern im Diesseits.

Wie im Falle der Religion hat das mysteriöse Etwas menschliche Repräsentanten. Bei der Religion können sich die Anhänger auf heilige Texte und auf die Tradition beziehen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, was ein Repräsentant sagt. Im Falle des weltlichen Kollektivismus haben die Repräsentanten des mysteriösen Etwas noch mehr Macht, da die Traditionen kurz sind (Nationalsozialismus, Kommunismus), die heiligen Schriften ihnen eindeutiger dienen oder von ihnen selbst stammen („Kommunistisches Manifest“, „Mein Kampf“) und weil das mysteriöse Etwas unmittelbarer als real wahrgenommen wird (das „Gemeinwohl“).

Die Grundaussage der Kollektivisten lautet, dass es einen Konflikt zwischen den Interessen von Individuen gebe. Die „Gesellschaft“ solle darum die Individuen beherrschen und ihnen ihre Handlungen vorschreiben. Zum Vergleich: Im Kapitalismus dient die Regierung nur als Wächter, der Individuen davon abhält, gegen die Rechte anderer zu verstoßen. Der Kapitalismus geht allerdings davon aus, dass es keine inhärenten, fundamentalen Konflikte zwischen den Interessen von Individuen gibt und sie friedlich kooperieren können.

Eine heute populäre Variante des Kollektivismus ist der Utilitarismus. Er besagt, dass der Maßstab der Moral das größte Glück der größten Zahl sei. Also nicht dein eigenes Lebensglück, sondern das aufsummierte Lebensglück aller Menschen sei der Maßstab der Ethik. Um eine größere Zahl von Menschen glücklich zu machen, könnten demnach ein paar Menschen geopfert werden.

Ergebnis des kollektivistischen Subjektivismus: 140 Millionen Tote (Kommunismus) plus  70 Millionen Tote (Faschismus, Kolonialismus) innerhalb weniger Jahrzehnte. Quelle: Daten des Empirischen Demozidforschers R.J. Rummel.

Objektivismus: Aus Sein folgt Sollen

Nun zu der Auflösung von Humes Gesetz und des naturalistischen Fehlschlusses. Der objektivistischen Philosophin Ayn Rand ist es – im Anschluss an Aristoteles, der teils ähnlich argumentierte – gelungen, die Moral auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Zunächst einmal sind menschliche Werte frei gewählt. Das ist der Grund, warum unterschiedliche Menschen viele unterschiedliche Dinge über Moral glauben. Meistens glauben sogar dieselben Menschen unterschiedliche Dinge über Moral. Der Objektivismus bezweifelt das nicht. Er besagt lediglich, dass sich die meisten Menschen irren.

Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie setzt nicht bei einer übernatürlichen Sphäre an, sondern bei der natürlichen Welt. Um herauszufinden, was der Maßstab der menschlichen Werte sein könnte, stellte Ayn Rand zunächst die Fragen: Was sind Werte überhaupt? Wofür braucht der Mensch Werte?

Ein Wert ist das, wofür man handelt, um es zu bekommen oder um es zu behalten. Das Konzept „Wert“ setzt eine Antwort auf die Frage voraus: Wertvoll für wen und für was? „Es setzt ein Wesen voraus, das zu handeln in der Lage ist, um ein Ziel im Angesicht einer Alternative zu erreichen.“ (Ayn Rand). Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie könnte man wie folgt formulieren:

Es ist einzig das Konzept „Leben“, welches das Konzept „Wert“ ermöglicht.

Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, legt fest, was es tun soll. Ein Lebewesen existiert und es kann nur Werte haben, wenn es existiert. Um seine Existenz fortzusetzen, muss es auf bestimmte Weise handeln – bestimmte Werte anstreben, die seiner Existenz dienen. Jedes Lebewesen hat eine bestimmte Identität und daraus ergibt sich, was es tun muss, um zu leben. Ein Vogel muss z.B. etwas anderes tun, um zu überleben, als ein Mensch.

Das ultimative Ziel eines jeden Lebewesens ist sein eigenes Leben. Für den Menschen gilt also:

Das eigene Leben eines individuellen Menschen ist sein objektiver Moralmaßstab.

Nicht die spontanen Gelüste eines Menschen, nicht das Glück aller Menschen, nicht die Interessen einer fiktiven Entität wie „Gott“ oder „Gesellschaft“, sondern unser eigenes, individuelles Leben ist der Maßstab der Ethik.

Moralphilosophen sind häufig der Meinung, dass es nicht Ethik sei, wenn man nur sein eigenes Leben im Blick habe. Das ist der Grund für sämtliche Widersprüche ihrer moralischen Anschauungen und der meisten Gräuel, die aus falschen Ethiken entstanden sind.

Aber löst das wirklich die Sein-Sollen-Dichotomie auf? Schließlich sind Menschen noch immer in der Lage, sich für eine Moral zu entscheiden, die schädlich für ihr eigenes Leben ist, oder nicht? Ist die Ethik nicht doch wieder subjektiv? Zwar mag das eigene Leben ein rationaler Maßstab der Moral sein, aber ist er wirklich objektiv?

Der freie Wille bedeutet, dass eine Person sich dazu entscheiden kann, nicht zu leben; aber er bedeutet nicht, dass sie einen anderen Maßstab für ihre Werte wählen kann als ihr Leben. Werte sind vom Leben abgeleitet, die dienen dem Leben. Also muss das Leben – als Voraussetzung für sämtliche Werte und jegliche Moral – der Maßstab sämtlicher Werte und jeglicher Moral sein. „Maßstab“ bedeutet das endgültige Ziel der Ethik und einen Beurteilungsmaßstab (Dient diese Handlung meinem Leben?).

Ein Mensch kann sich auch entscheiden, zu sterben. Aber: Welcher Wertecodex (Ethik) folgt aus seiner Entscheidung zu sterben? Die Antwort: Keiner. Um zu sterben, muss ein Mensch gar nichts tun. Er muss einfach nur alle Handlungen einstellen. Er braucht keine Ethik. Eine Ethik kann nicht aus der Entscheidung für den Tod resultieren.

Der Objektivismus besagt nicht, dass man leben muss. Er besagt, dass man nur eine Ethik braucht, wenn man sich für das Leben entscheidet. Und tut man das, dann benötigt man eine Ethik, die einem das Leben als das, was man ist, ermöglicht: Das Leben als Mensch, als rationales Tier. „Sollen“ ergibt nur Sinn, wenn man eine Handlungsorientierung für das eigene Leben als Mensch anstrebt. Andernfalls „soll“ man gar nichts. Tiere streben Werte automatisch, instinktiv an. Der Mensch muss sich für das Leben entscheiden. Wenn er es tut, braucht er eine Ethik – Prinzipien, an denen er sich orientieren kann, um zu leben. Wenn nicht, dann nicht und die Frage erübrigt sich. Das Leben als Mensch erfordert also objektiv eine Ethik, die dem Leben als Mensch dient.

Ferner möchte ich die Leser daran erinnern, dass David Hume prinzipiell die Kausalität in Frage stellte. Für ihn gab es keine notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung. Er hielt außerdem prinzipiell die Induktion, die Ableitung allgemeiner Gesetze aus Einzelbeobachtungen, für unmöglich. Geht man davon aus, verwundert es nicht, dass er auch eine Folgerung auf das Sollen aus dem Sein ausschloss. Ayn Rand folgert das Sollen aus dem Sein mit Hilfe der induktiven Methode. Hume bestreitet die ganze Methode, die die Sein-Sollen-Dichotomie auflösen könnte (und die, nebenbei gesagt, die grundlegende Methode der Wissenschaften ist). Die Sein-Sollen-Dichotomie passt also zu Humes Philosophie – aber wenn man sie akzeptiert, dann müsste man auch die Leugnung von Kausalität und Induktion akzeptieren. Oder man müsste sich ganz andere Gründe, die nichts mit Hume zu tun haben, überlegen, warum Sein nicht aus dem Sollen folgt. Auf überzeugende Weise hat dies noch niemand getan.

Literatur

„Ideas for Life“ hat einen guten Kommentar zum Thema verfasst:

http://objectivistanswers.com/questions/5781/what-are-your-thoughts-on-the-essay-ayn-rand-and-the-is-ought-problem

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